Werkkommentare
 
A short finale for a trombonist
Maikäfer flieg
Missa Electroacoustica
Atemlos
Cellissimo
Don´t forget!
 
Lothar Voigtländer: Kommentar zu "Structum V für Violine solo"

 

Alle Kompositionen, die ich mit dem Titel "Structum" versehen habe (wie z.B. die Kammermusiken 1-4 für Tasteninstrumente, für Orgel, für Schlagwerk etc.), verfolgen den Gedanken, sich auf ein klar definiertes Material, auf eine Keimzelle, zu konzentrieren, aus der sich das ganze Werk in vielerlei Metamorphosen herauskristallisiert.
In "Structum V" werden nun Passagen der Komposition „Paraphrase“ als Ausgangspunkt benutzt. Diese werden dann klanglich in expressiver Form ausgeweitet und modifiziert, um als Grundlage für das noch im Laufe des Jahres entstehende Konzert für Violine und Orchester zu dienen. Manche Passagen daraus kann man sich schon jetzt als virtuosen Dialog zwischen Violine und Orchester vorstellen: Die Arbeit des Komponierens als „work in progress"…

Die Anregung zur Komposition verdanke ich Egidius Streiff, dem das Stück auch zugeeignet ist.

Lothar Voigtländer: Kommentar zur Uraufführung
"Scène fou avec Rimbaud"
 
für Matthias B. und Maria
 

Zum Hintergrund der szenischen Kammermusik:

Rimbaud nahm zeitweise Drogen, um neue Deutungen und Visionen für Sein und Bewusstsein zu erlangen und neue poetische Dimensionen aufzutun (z.B. in: „Illuminations“)
Im vorliegenden Gedicht aus „Nachtwachen" führt dies augenscheinlich zu visionären Welt,- und Paradies-Erfahrungen…. (siehe Baudelaire: "paradis artificiels").
Die Handelnden sind : Ein sprechender Instrumentalist , der sich von der Gliederung und Klanglichkeit des Zuspielbandes leiten lässt …Zu Beginn träumt und philosophiert er vor sich hin, später gerät er in eine emsig bemühte Pseudo-Aktivität, die ihm vom elektronischen Zuspiel rhythmisch suggeriert wird. Schließlich steigert er sich in eine hektische Betriebsamkeit hinein, die zu einem hysterischen Ausbruch mit nachfolgender Depression führt.
Eine Interpretin, die zwar im gleichen Raum an einem Tische sitzend vor sich hin spricht, nimmt aber (ihrerseits in einer hermetischen Welt gefangen ) keine dialogisierende Beziehung zum Instrumentalisten auf. Sie schlägt mit div. Gegenständen die Zeit tot, jongliert mit einem Zeitpendel, in Form einer rollenden Metallkugel,( oder einem Metronom ), tippt unlustig ein paar Tasten auf der Schreibmaschine an, zerreißt ein Schriftstück , repetiert die Texte ( etwas abwesend ) auf ihre Art vor sich hin, bis ihr einige Sekunden vor Schluss (in einem lichten Moment) die Hysterie des Anderen auf die Nerven geht und sie mit einem Schlaginstrument die Exaltiertheit stoppt und die gewöhnliche Fremdheit und Abgrenzung wieder hergestellt ist.

Veillées – Nachtwachen

C´est le repos éclairé, ni fièvre, ni langueur,

sur le lit ou sur le pré
C´est l´ami ni ardent ni faible. L´ami.
C´est l´aimée ni tourmentante ni tourmentée. L´aimée.
L´air et le monde point cherchés. La vie.

– Était-ce donc ceci?

– Et le rêve fraîchît.

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Das ist sinnenhelle Ruhe, nicht Eifern, nicht Schmachten
auf einer Matte oder im Gras.
Das ist der Freund, nicht glühend, nicht schwach.
Der Freund.
Das ist die Geliebte, nicht quälend, nicht gequält. Die Geliebte.
Die Welt und die Weise, nimmer gesucht. Das Leben.

– Das also war es?

– Und wieder steigen die Träume.

Lothar Voigtländer: Kommentar zum Oratorium "MenschenZeit"
 
Eugène Guillevic (1907 – 1997) – ein Monolith der französischen Poesie des 20. Jahrhunderts Guillevic (wie er kurz genannt sein wollte)- war befreundet mit Louis Aragon, von Éluard sichtbar gebrannt…; vielleicht(in) Beziehung zu Mallarmé zu setzen… “Namenloses, Unerhörtes, Ungeheures zur Sprache zu bringen….” – so charakterisiert Paul Wiens ihn, einer seiner deutschen Übersetzer. Guillevic selbst übersetze Hölderlin und Trakl. “Nichts von den Symbolisten , nichts von den Surrealisten. Bei Guillevics Art zu beten werden die Hände schmutzig: er arbeitet.” Jean Tortel beschreibt die konkrete Getragenheit, die getragene Konkretheit, die elementare Sachgebundenheit als ” die religiöse Seite des Materialisten Guillevic”. Steine, Felsen, das Meer, die Stille, die Zeit, die Menschen in der Zeit – und immer wieder: die Menschen – sie sind der Gegenstand seiner poetisch-philosophischen Untersuchungen. Er sucht ” das Geheimnis der Dinge” in den Dingen, hinter Dingen. ” Nichts besitzt man, niemals, außer ein wenig Zeit”. Er schreibt kurze, klare, von nahezu biblischer Weisheit erfüllte Verse. Guillevic hat mich seit der persönlichen Bekanntschaft (1978) fasziniert bis heute. Das Kammeroratorium schuf ich zusammen mit ihm ( Paris, Liverpool 1990 ), die KammerOper “VISAGES” ( Schloß Rheinsberg ) folgte 2002. Das heutige (große) Oratorium ist seinem 100. Geburtstag gewidmet. Er war einverstanden, dass ich seine Verse collagieren, ein neues “compositum” daraus machen durfte. Er war immer neugierig darauf, was aus ihm und “deutscher Musik” ( Zitat ) werden würde. Er liebte die Kraft. Ekkehard Klemm hat mir den Mut und den Auftrag gegeben, es noch einmal (abschließend?) mit diesem großen Dichter zu wagen. Zur Musik: "MenschenZeit" Das Oratorium ist in 12 Teile gegliedert. Jeder Teil hat sein eigenes ” Klang- und Tonzentrum “. Meist sind die harmonischen und strukturellen Verflechtungen auf dieses Tonzentrum, einen Zentral-Ton ( auch Akkord ) gerichtet. Teil 1 und Teil 12 sind durch einen Bogen miteinander dramaturgisch verbunden. Die Chöre wechseln sich mit teilweise exponiert gelagerten Solo-Partien ab. Die Textstruktur ist bilingual geführt, oft synchron sich überlagernd, manchmal sich durchdringend, manchmal säuberlich getrennt und wird so Teil der musikalischen Struktur und Textexegese. Dies beeinflusst die Großform und Dramaturgie der Satzfolge erheblich. Das Orchester ist oft percussiv-geräuschhaft eingesetzt, aber es kommt auch zur Entfaltung filigraner, kontemplativer Kammermusikstrukturen und – im Gegensatz dazu – zu überbordend expressiven Klangflächen. Diese Ausdrucksmittel sind dem dramaturgischen Wollen und dem “sinfonisch-oratorischen” Gestus nachgeordnet. Der Inhalt gebietet die Wahl der kompositorischen Mittel. Die Bezüge des Oratoriums zur historischen Tradition sind in der Form offensichtlich. Die großen Chöre ( turbae ) wechseln mit den sehr individuell ausgeprägten und teilweise exponierten Charakteristika der Soli. In diesen Partien wie auch in der Kulmination des Finales sollen instrumentale Spieltechniken durchaus an zeitgenössisch-virtuose Grenzen gehen.
Lothar Voigtländer: Kommentar zu "A short finale for a trombonist" (1995)
 
Diese Solopiece für Posaune verbindet in heiter-sarkastischer Manier das Selbstgespräch des Posaunisten mit sich, mit seinem Instrument und inszenierten virtuosen Zwischenspielen. Mal ironisch, mal wütend stimulieren Wortfetzen den Fortgang der musikalischen Passagen. Schwierigste Höhen und Tiefen gilt es zu meistern (zweideutig:"the worst is to come yet, for us…" und: …"I´m at my wit´s end", bevor der musikalisch-pseudo-philosophische Diskurs des erschöpften Interpreten in der simplen Feststellung endet: "It´s at end") .Gemeint ist sowohl das Ende des Posaunenzuges bei den tiefsten Pedaltönen als auch ein indefinites Ende der vorgetragenen Geschichte . Alles in der kleinen Musikszene bleibt doppeldeutig und der eigenen Inszenierung vorbehalten .
Kommentar zur Komposition "fanatic"
 
Die Komposition "fanatic" realisierte ich im Sommer 2001 (beendet 10.8.) im Studio der Akademie der Künste. Es sollte ein sehr stringendes Stück Tape-Music werden, welches sich mit den Problemen des Haß, der Intoleranz und Gewalt auseinandersetzt. 1 Monat nach Beendigung der Komposition geschah der 11. September in New York… Die Komposition erhielt plötzlich einen makabren Bezug zur Gegenwart … Der Textdichter meiner Kammeroper "Visages", der französische Poet Eugene Guillevic, schreibt dazu: "…wo kommen wir denn her, um solche Gesichter zu haben, dass es weh tut dem Tag…".
Kommentar zur Komposition "fou avec contrebasse"
 
Diese Komposition ist ein Auftrag des Institut International de Musique Electroacoustique, Bourges (F). Inspiriert durch den Jazz-Performer Matthias Bauer (Doublebass) sind alle Klänge aus dem Instrument und der Stimme des Interpreten geformt und moduliert (Singen, Rufen, Schreien). Die Interpretation balanciert zwischen realem Klang und Tapezuspiel. Auch szenische Momente und das Dialogisieren, das spontane Reagieren auf auf das Zuspielband spielen eine entscheidende Rolle. Die Zeitmaße sind exact vorgegeben, lassen aber dem Interpreten genügend Spielraum für eigene Aktionen. "FOU" ist ein Kult – ein zelebrieren ur-natürlicher Bewegungen, Schreie und Instinkte. Das Instrument ist der Körper – und der Körper ist das Instrument …
Kommentar zu den Orgelstücken "Introitus" und "Insignum"
 
Beide Orgelstücke sind Widmungen an Persönlichkeiten, denen ich sehr verbunden bin in meiner Vita und es ist ein Zufall, dass diese beiden "kurzen", freundlich-virtuosen Kompositionen einmal nebeneinander in einem Konzertprogramm erklingen werden."Introitus" ist dem verstorbenen Nürnberger Komponisten Klaus Hashagen zu seinem damaligen Geburtstag gewidmet und erklang 1989 in der St. Sebald-Kirche zu Nürnberg in der Interpretation von Werner Jacob. Der Name Hashagen enthält die Tonfolge H-A-Es-G-E, welche in dem kurzen Stück die charakteristische Intervallstruktur bildet. Wie ein echtes Geburtstags-Geschenk ist der Schlussakkord in ein strahlendes E-Dur gewendet. Das 1994 für den Dirigenten/Organisten Peter Schwarz geschriebene "Insignum" enthält ähnliche Beziehungen, die verschlüsselt in der zugeeigneten Intervallstruktur eingearbeitet sind. Nachdenkliche "choralartige" Akkordeinschübe unterbrechen jedoch öfter die Entwicklung, sodaß das Stück auch ruhig, nachdenklich und hinterfragend ohne ersichtliche "Lösung" endet…
Kommentar zu "Maikäfer flieg" (radiophone Komposition – 1985)
 
Die Komposition entstand 1985 im Studio des Komponisten in Berlin. Das Kinderlied "Maikäfer flieg, Vater ist im Krieg, Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt” ist eine der in vielen Variationen existierenden Textvarianten, die nach dem 1. und nach dem 2. Weltkrieg die entsprechende politische Situation widerspiegelten. Gegen Ende der Komposition erklingt das Lied dann mit dem Text: “Schlaf, Kindchen, schlaf, da draußen ist ein Schaf, ein schwarzes und ein weißes, und wenn du nicht schläfst, dann beißt es…". Die Person der Interpretin hat auch gewechselt: Von der jungen Frau des Anfangs zur gebrochenen Alten nach dem Krieg – und so ziehen sich mehrere gleichzeitig verlaufende dramaturgische Fäden, sich überkreuzend, sich verknüpfend durch das Stück – alles mit relativ wenig Mitteln streng eingehalten (siehe auch Zitat Lale Anderson: "Lili Marleen" oder: "Auf, Burschen heraus ….sei es .. zum letzten Kampf") – bissige Ironie bis zur Schlusstrauer: "…ein Wind kommt auf, versuchen wir zu leben"). 1. Preis Bourges 1985 ; Goldene CD: beste Kompositionen der letzten 20 Jahre: Frankreich 1992). Die technischen Mittel entsprechen einem Privat-Studio in der DDR 1985: 8-Spur Fostex; einfachste Hall und Effektgeräte; 1 Synthesizer, Schallplattenspieler; Revox-Master-Bandmaschine. Analoge Bandbearbeitung.
Kommentar zu: "Variations sur un mode sentimental" für Vl, Vcl. und Klavier
 
Nach der ersten Komposition für die junge Geigerin Susanne (Paraphrase) entstand der Wunsch für sie und Mitglieder des Kammerensembles Junge Musik Berlin ein Trio zu komponieren. Die Komposition wurde mit dem Ensemble im Frühjahr 2000 in der Musikakademie Rheinsberg ur-aufgeführt. Der "Modus", der zu Beginn exponiert wird, wird von Anfang an von einem fragilen F-Dur accompagniert. Die folgenden Variationen: "quasi Chaconne"; "un peu triste", "dans un mode feroce et explosive" und "allegro ritmico e spiritoso" verfolgen den Gedanken des exponierten ersten Modus in teils stark rhythmisch geprägten Strukturen weiter – nehmen aber immer wieder Bezug zum Grundgedanken des "Empfindsamen" auf.
Kommentar zu "Drei Porträts
mit Schatten" unter Bezugnahme auf: "Carlos Rincón: Zur Welt des F.G. Lorca"
 
Die Tatsache, dass auch in den "Drei Porträts" der poetische Gegenstand ins Geheimnishafte entrückt wird, schafft ein Spannungsfeld, in dem sich das Spiel der Austauschbarkeit und Verschleierung der Symbol-bedeutung zu eigener, lyrischer Verschmelzung formt. Wir spüren, dass die von der lyrischen Sprache entfalteten Konfigurationen nicht als die Verkettung bildhafter Andeutungen eines Themas zu begreifen sind, sondern dass wir in einen Vorgang der Sprachmagie eingeschaltet sind, bei dem die Wörter und die poetischen Impulse sich in assoziativen Schwingungen verbinden. Die "Drei Porträts" insbesondere leben aus dem Kontrast zwischen Licht und Schatten, dem Dualismus LEBEN-STERBEN, LIEBESAKT-TOD. Der Rezipient ist angehalten, sich an die Stelle des lyrischen Ichs zu versetzen und den Prozeß der Erschaffung des Gedichts mitzuvollziehen. Lorca selbst sagt dazu: "Ein dichterisches Bild ist immer eine Sinnübertragung. Die Sprache ist auf der Grundlage von Bildern geschaffen, von denen unser Volk einen überfließenden Reichtum besitzt"… (Bezug zur andalusischen Volksmusik, dem Cante Jondo.) Die Komposition zu den "Drei Porträts" bezieht nun ihre Legitimation und gleichzeitige Inspiration aus den Möglichkeiten der Verbindung zwischen intimer kammermusikalischer Wortexegese und der Öffnung des Raumes für eine mehrfach-dimensionierte Realisation von PORTRÄT und SCHATTEN. Der Schatten wandert beim leibhaftigen Singen und Spielen hinweg vom Bühnengeschehen und tritt dem Subjekt als eigenständige Ebene in den Lautsprechern 3+4 gegenüber. Was dem lyrischen Wort verwehrt scheint, das gleichzeitige Erklingen von Subjekt und eigenem Schatten wird im musikalischen Bereich durch Gleichzeitigkeit, Überlagerung und Echo auf intensivste Weise erlebbar. Schatten wird akustisch vielfältig moduliert, ringmoduliert, löst sich in Bruchstücke auf und fügt dem Wort eine andere, eine "dritte" oder gar "vierte Dimension" hinzu.
Kommentar zu "lamentatio"
 
Dieses Werk gehört zu denen, die anscheinend "aus dem Bauch" geschrieben entstehen und keine Rücksicht auf irgendeine Aesthetik nehmen. Die formale Struktur, die verwendeten Klänge: Alles ist recht simpel (einfach) zu durchschauen. Die technischen Möglichkeiten scheinen den Klangrevolutionen der elektro-akustischen Musik zu widersprechen. Die Klangfarbe ist dunkel eingetrübt und erinnert an alte Orchester-aufnahmen. Es ist da nichts als eine große Traurigkeit, die auch ein Satz – eine lamentatio – aus einer elektronischen Messe darstellen könnte…
Kommentar zur "Missa Electroacoustica"
 
Im Frühjahr/Sommer 2000 realisierte ich einen Kompositionsauftrag für das Festival in Bourges. Während der Arbeit "überfiel" mich ein Stück Musik, welches den aesthetischen Prämissen und möglichen Klangspezifika dieses Genres in keiner Weise zu entsprechen schien. Es entstand die Komposition "lamentatio" (s.o.). In der Folge entstanden noch weitere Stücke auf dem angedachten Weg: "Attack" (einst als "maschine!" konzipiert), – ein monochrom ratterndes Stück voll technischer Monotonie und stupider Besessenheit nach vorn oder nirgendwohin -, aus der Arbeit mit Iris Sputh wuchs in langsamen Mutationen "hara" – eine eher einfache, und sehr einsame Klangstudie. Abschließend kam im August 2001 "fanatic" dazu. Ein Stück aggressiver Vieldeutigkeit und Dichte – ein "dies irae" zeitgenössischster Art. Vier Wochen nach der Beendigung der Komposition gab es den 11. September… Es sollte für meine Kammeroper "VISAGES" den Kreis um den Satz des französischen Dichters Eugene Guillevic beschreiben: "wo kommen wir denn her um solche Gesichter zu haben, dass es weh tut dem Tag …". Danach ordnete ich meine "missa – Sätze" wie folgt an: attack – hara – lament- fanatic.
Kommentar zu "Soundfiles 1-x" für Harfe und Zuspielband
 
Das Zuspielband enthält ausschließlich Originalklänge der Harfe, die als "Soundfiles" im Computer abgelegt wurden. Mit den spezifischen Möglichkeiten digitaler Klangbearbeitung wurde dann geschnitten, gemischt, transponiert, vielfach moduliert und neu collagiert. Entsprechend den spieltechnischen Besonderheiten der Harfe wie bisbigliando, glissando, mit Cymbel, mit Gummischlägel, mit Fingernagel gezupft, sons timbaliques etc .- entstanden kleine, überschaubare 3-Minuten-Soundstudien, in welchen das Zuspielband auf der einen Seite die Klänge der Harfe geradezu "aufsaugt", assimiliert, auf der anderen Seite akustisch kontrapunktiert. Streckenweise soll nicht zu unterscheiden sein, was denn nun live-Spiel und was dagegen verfremdetes akustisches Material ist. Das Zusammenspiel zwischen Interpret und Zuspielband ist am besten mit einem "avec et contre" gekennzeichnet. Die Sondfiles können vom Interpreten beliebig gemäß unterschiedlicher Zuordnung in der Reihenfolge ad hoc ausgewählt werden. Weitere Sound files sind in Arbeit …
Kommentar zu "Structum III" für Orgel solo
 
Alle Kompositionen, die ich mit dem Titel "Structum" versehen habe, verfolgen den Gedanken sich auf einen Parameter zu konzentrieren, auf eine Keimzelle, aus der sich das ganze Werk in vielerlei Metamorphosen herauskristallisiert. In Structum III ist es das 4-tönige Kopfmotiv, welches die Komposition im fortissimo eröffnet und in dreistimmiger kanonischer Führung eindrücklich repitiert. Dieser emphatische Auftakt fällt recht bald in sich zusammen – ein "von fern schwebender Choral" stagniert das Geschehen zusätzlich. Schattenhafte und zerrissene Figurationen bestimmen den Fortgang. Sie verdichten sich allerdings zunehmend. Der bespielte Tonraum wird umfangreicher, die Bewegung und Dynamik werden heftiger: Eine "variatio augens" – ein ständig sich vergrößernder ambitus treibt das Geschehen voran. Repetitive Steigerungerungen führen zur Kulmination und schlußendlich fordert ein hoch-virtuoser Duktus das Instrument bis an die Grenze seiner Leistungs-fähigkeit. Das Plenum, das volle Werk ist gefordert. Abrupt wird der erreichte Höhepunkt mit einem jähen Schlag, einem Cluster über die Manuale abgebrochen. Das 4-tönige Kopfmotiv des Anfangs schließt das Werk im piano, verhalten und ohne Ergebnis – eigentlich mit einem Fragezeichen.
Jürgen Otten, FAZ, 25. Mai 2002: "Visages" (LV)
 

"[…] Die Zeit. Die Dinge. Der Mensch. Die Sprache: Wie diese vier Elemente (oder besser: Seinszustände, Wesenheiten) sich zueinander verhalten, was sie einander bedeuten, damit hat sich der bretonische, in Deutschland erst später entdeckte Lyriker Eugène Guillevic zeitlebens beschäftigt. Vor allem interessierte ihn die Frage, in welcher Weise die Sprache in die Welt hineintritt und damit in das Bewußtsein des Menschen, welche Beziehung dadurch begründet, ergründet wird. […] Als ein gutes Beispiel mag das Gedicht ‘Dauer’ dienen: ‘Kurz ist der Tag,/ kurz sind alle Tage./ Kurz ist noch die Stunde./ Aber der Augenblick dehnt sich,/ der Tiefe hat. Dieses Gedicht findet sich im Programmheft zur Uraufführungs-Produktion ‘Visages’. Der Berliner Komponist Lothar Voigtländer, seit langem so eine Art tonsetzerischer Guillevic-Beauftragter, hat im Auftrag der Musikakademie Rheinsberg ein Kammerszenario in acht Teilen verfaßt, welches auf Guillevics Gedichtband ‘Das Geheimnis der Dinge’ basiert, diesen aber leicht bearbeitet, indem er die Worte umschichtete […]. Regie führte die Tänzerin und Choreographin Iris Sputh, das Bühnenbild schuf Pascale Arndtz, der Komponist selbst besorgte Einrichtung und Textcollage. Sucht man nach einem künstlerischen Gattungsbegriff für den recht enigmatischen Abend, Collage wäre wohl angemessen. Eine Handlung gibt es nicht, lediglich assoziative Ketten; Musik, Wort und Aktion sind mal lose miteinander verknüpft, mal eigenmächtig. […] Diese Tänzer (Iris Sputh, Janet Rühl, Arnd Müller, Anm. der Autorin) sind es, die das Zeitpendel bewegen, und sie sind es auch, die das Wort in Bewegung umsetzen, seine Wirkung für den Menschen."

Ruth Eberhardt, RA, 21. Mai 2002: "Visages" (LV)
 
"[…] Am Schluß der Uraufführung reagierte das Publikum mit Beifall für den Komponisten und den jungen Dirigenten, der den schwierigen Spagat zwischen Live-Musikern und elektronischer Einspielung meisterte, sowie für die anderen Interpreten."
Kommentar zur Komposition "atemlos"
 

"atemlos" ist 1996 als Auftragswerk des "Instituts International de Musique Electroacoustique" in Bourges ( F) entstanden. Diese Komposition stellt auf der einen Seite ein "fiktives Porträt" eines mir befreundeten Kontrabassisten dar. Mit all den Pegel-Ausschlägen eines Musikerlebens: mit Herz und Seele, besessen , verträumt, lyrisch, die Entwicklung virtuos vorantreibend, zugleich aber selbst "gejagt" und gefangen in der Welt des "Musik- Narren". Also ein Porträt eines Freundes- oder ein Auto- Porträt … Auch die Probleme unserer Zeit mit Gewalt, Aggression und Resignation spielen subcutan, zwischen den Welten und Bedeutungen changierend, zur gleichen Zeit eine Rolle. Militante und militaristische Entwicklungen und Explosionen stehen im harten Kontrast zu einer lyrischen Welt des ruhigen (erschöpften?) Atmens und Innehaltens …Das Ausgangsmaterial ist vom Interpreten "ganzkörperlich" abgenommen: Kontrabass mit pizzicato, flageolett- und immer wieder Stimme, Körpergeräusche des Basses und des Menschen , konkretes und synthetisch erstelltes Material. Die Verwandtschaft zur Komposition "Fou" ist offensichtlich. Die Komposition wurde 1996 mit dem " Grand Prix de musique electroacoustique" in Bourges ausgezeichnet .

Kommentar zu "du silence "
 
Der große französische Poet Eugene Guillevic ( 1907 bis 1997) nennt seinen letzten Gedichtband "du silence" – von der Stille. So wie er die Zeit in ihrem Fluß, ihrem Dahingleiten
thematisierte, so schreibt er über die Stille Sätze wie :
Mein Reich ist Stille, wo ich nicht herrsche, nicht belehre. Ich lasse
mich von ihr besitzen.

In meinem Reich fließt sehr langsam ein Fluß.
Er macht kein Geräusch, verspricht sich der Ewigkeit.
Ich bohre, ich grabe. Ich bohre in der Stille oder eher in Stille, in
der,
die ich mir schaffe.
Die Stille ist es, die mir den Atem der Welt bringt, ihn mir schenkt.
Sie erlaubt mir, mich in ihr zu erkennen, beim Belauschen meines Seins,
so wie ich es erahne.
Mein Reich der Stille hat die Form einer Kugel.
Ich bin dort nicht im Mittelpunkt sondern irgendwo oben.
Manchmal gelingt es mir, einen Vogel hereinzuholen in mein Reich,
und ich lasse ihn singen….

Die musikalische Komposition bedient sich des "Dahinklingens“, des Gleitens und vermeidet Anfangs- und Zielpunkte….

Kommentar zu "fibodanza" für 2 Schlagzeuger
 
Das Wort " fibodanza " imaginiert den Begriff eines "Zahlentanzes". Als Auftragswerk für Marta Klimasara und Jürgen Spitschka geschrieben, thematisiert die Komposition sowohl den spielerischen Umgang mit den Zahlen der Fibonacci-Reihe ( 1;2;3;5;8;13;21;34;55;89;144?ff. als auch ein hohes Maß an Virtuosität und zahlreiche Dialogfelder für beide Interpreten.
Kommentar zu "Paraphrase sur un mode" für Violine solo (1994)
 
Eine "Paraphrase " ist eine variative Ausschmückung und Umspielung einer bestimmten Tonfolge, uns gut bekannt durch die " virtuose Konzertphantasie" des 19. Jahrhunderts ( Paganini ). In der vorliegenden Komposition wird der historische Aspekt umgedeutet auf die beständige Ausweitung der gewählten Tonfolge. Wechsel zwischen emphatischen und lyrischen Passagen und eine zunehmende Verdichtung des Materials prägen den weiteren Verlauf. Der Interpret ist aufgefordert, die Grenzen des Instruments auf sehr zeitgenössische Weise virtuos zu erkunden.
Kommentar zu "Signa"
 
Zeichen, graphische Zeichen (eckig, rund, Punkt, Linie, staccato-Strich und Strich-Haufen-"cluster") ergänzen den vorgegebenen Notentext. Die Interpreten können miteinander, gegeneinander, sich ablösend, sich doppelnd- oder sich konterkarierend einem Moment der eigenen Inspiration und begrenzten Improvisation nachgeben. Die Interpretation wird also in jeder neuen Instrumentenbesetzung anders modifiziert erscheinen. Die Grundstruktur, die Dramaturgie, die Tonhöhen, alles dies wird aber im Sinne eines "compositum", einer erdachten Ordnung durch den Komponisten jede Aufführung prägen.
Kommentar zu "Dialog en cause"
 

Die Komposition basiert auf zwei Ausgangsmaterialien:

a) alle rhythmischen Strukturen entspringen der Idee einer Beat-Maschine, einer stupid hämmernden mechanistischen ” Rhythmus-Maschine “, deren Pendelbewegungen jah und plötzlich aus dem rhythmischen Gleichlauf in aggressive, ja sogar militaristische Bereiche ausrasten können. Alle Rhythmen sind Variationen dieses einen Ausgangsmaterials.

b) Dem ständigen “drive” steht ein stagnierendes, meditatives Moment gegenüber. Schönheit des Klanges bis ins feinste Filigran, lyrische Sequenzen, denen das ” Aufgehobensein in sich selbst” genügt. Da es keine Durchdringung, sondern nur Reihung des Materials gibt, ist auch kein Resultat musikalischer ” Durcharbeitung ” zu erwarten. Ein Zustand ” an sich ” wird konstatiert. Das Endergebnis der Komposition wird nicht wirklich hörbar – es soll sich nach dem Hören im Kopf des Rezipienten realisieren. Die Komposition wurde im Bourges (Frankreich) als Auftragswerk für das 21. Festival elektro-akustischer Musik realisiert.

Kommentar zu "Don´t forget!"
 
Die Kammermusik von 1983 (“…vergesse…durcheinander…o süße ” ) wird in der heutigen Fassung durch Tape-Zuspiele aus meiner Komposition ” Maikäfer flieg ” ergänzt. Die Texte von Beckett, Cummings, Fried und Braet haben bis heute nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Sowohl die Worte von Marc Braet : ” Vergesse denn wer kann: die Bomben, den Schutt, die grauen Uniformen..”, von Erich Fried: ” sich töten mit immer besseren Waffen , und doch sich lieben ..” , wie auch die von Samuel Beckett: ” .. da verschweigt man den Kopf, der Kopf ist verstopft ..” sind bis heute gültig. Das gab 1983 heftigen Anlass zu Unbequemlichkeiten. Und diese Worte scheinen heute nicht weniger aktuell zu sein . Der 4. Satz mit den Worten von Marc Braet : ” ..wiederkehren wie eine Schwalbe, … nahe zum Herzen der Menschen ..” erscheint uns ein wenig pathetisch, aber doch zugleich auch trostreich. Wie sagt doch e.e.cummings zur Rolle der Wissenschaft und der Religionen: ” der freche daumen der wissenschaft ” – religionen, dich knutschend und beutelnd ..” – trefflicher lässt sich der Zugriff der Umwelt auf unsere Herzen, Hirne und Portemonnaies nicht ausdrücken. Die Struktur der Komposition im Raum ist einfach: Schlagwerk in allen 4 Ecken des Raumes. Posaunen und Sängerin in der Mitte, kommentierend, Zwischenspiele. Die Sängerin wandernd von Schlagzeug zu Schlagzeug, der Schluß in der Grundaufstellung alle Interpreten vereinigend.
Kommentar zu "Cellissimo"
 
"cellissimo" ( 1999 ) Die Zusammenarbeit mit dem Cellisten Matias de Oliveira Pinto in diversen Konzert-programmen ließ den Wunsch in mir entstehen, diesem wunderbaren Cellisten mit dem "warmen cantabile-Ton" und den heftigen, temperamentvollen "con brio – Attacken" ein Solostück gewissermaßen auf den Leib zu schreiben. Dies meint auch durchaus die ganzkörperliche und vituose Handhabung des Cellos. Es soll singen, weinen, triumphieren und rhythmisch wie eine Gitarre zu schlagen sein – es soll virtuos changierend zwischen emphatischen, lyrischen und spieltechnischen Raffinessen etwas mehr als ein einfaches cello sein – eben: ein "cellissimo".
Lothar Voigtländer: Texte zu "Two cummings-recitals"

 

a ) unisono 1: ‘n-ICH-ts’  

 n  / ICHtS  / n  /  ichts  über  /  t   /  riFf  /  t  /    das  /  m /  YsteriU  /  m /   des  s  / chwEigen / s _ ss…sss
 

b ) unisono 2: ‘…werd ich gehn’ 

hoch in die stille die grüne   stille mit einer weißen erde darin

                                                      wirst du ( küss mich ) gehen

hinaus in den morgen den jungen morgen mit einer warmen welt darin

                                                      ( küss mich ) wirst du gehen

weiter ins sonnenlicht das feine  sonnenlicht mit einem festen tag darin

                                                      wirst du gehn ( küss mich )

hinab in dein gedächtnis und   ein gedächtnis und gedächtnis

                                                      ( werd ich ) küss mich ( gehen ).

Lothar Voigtländer: Texte zu "Si vis pacem"

 

Vorspruch : Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn der Frieden ist der Weg

… da pacem in diebus nostris— give peace o Lord, in our time, because there is no one else who will fight for us…

Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens,

dass ich liebe, wo man hasst;

dass ich verzeihe, wo man beleidigt;

dass ich verbinde, wo Streit ist;

dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;

dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;

dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
 

DOCH .Was ist EINER gegen so viele?
 
(aus: Texte zu Alabaster-Reliefs Nicolai-Kirche Leipzig)

 

            – gegen so viel VERZWEIFLUNG ?

            – gegen so viel KORRUPTION ?

            – gegen so viel VERNICHTUNG ?

            – gegen so viele RICHTER ?

            – gegen so viele TOTE ?

 
– dass ich tröste

– dass ich verstehe

– dass ich liebe

– dass ich verzeihe

– dass ich Licht entzünde,

– dass ich Freude bringe …

 ‘si vis pacem, evita bellum‘ (wenn du den Frieden willst, vermeide den Krieg.) 

Let there be peace ou earth and let it beginn with me!  

(Irischer Segenswunsch) :

Ich wünsche dir den Frieden der Meeresdünung,

den Frieden einer sanften Brise,

den Frieden der schweigsamen Erde,

den Frieden der klaren Sternennnacht.

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Die Zukunft gehört dem Buch und nicht der Bombe, dem Frieden und nicht dem Krieg (Victor Hugo)